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«Schmucke Villa sucht Vereine» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 23. September 2004

Schmucke Villa sucht Vereine


"39 Sänger suchen einen Raum" könnte das Stück heißen, das die Chorgemeinschaft Leipzig-Engelsdorf seit Anfang des Sommers aufführt: Seit die Türen in der Adolf-Damaschke-Straße 20 zugesperrt sind, befindet sich der Chor auf Wanderschaft. "In der katholischen und evangelischen Kirchgemeinde waren die größeren Säle zu unseren Probenzeiten belegt", erzählt Manfred Pluntke. In der Grundschule fanden die Sänger zeitweise Unterkunft - "dort haben sie im Treppenhaus geprobt", sagt Ortsvorsteher Volker Zocher. Inzwischen hat der Chor im Gymnasium Unterschlupf gefunden. Doch auch das ist nicht einfach, denn die Hausmeister gehen vor den Sängern. Nun schließen die Lehrkräfte der Musikschule nach der Probe ab.

So wie der Chor befinden sich in Engelsdorf auch andere Vereine auf der Suche nach einem angemessenen Domizil, glaubt Ortsvorsteher Volker Zocher. Gleich zu Anfang seiner neuen Amtszeit hat er sich daher ein großes Projekt auf die Fahnen geschrieben: Die herrschaftliche Villa in der Damaschke-Straße 20 soll als Vereinshaus wiederbelebt werden. In den nächsten Wochen will er einen Aufruf starten: "Haus sucht Vereine" wird es dann heißen, denn über die edle Unterkunft verhandelt er bereits mit dem Vermieter.

"Wir haben das Haus als eigenständige Gemeinde für viel Geld renoviert" - auch damit begründet der einstige Bürgermeister sein Engagement für die Villa. Eigenleistung und Sachkosten zusammengerechnet seien bis zu 350 000 Euro investiert worden. Zehn Jahre lang wurde das Haus von der Gemeinde genutzt - von Bürgergruppen und vom kommunalen Eigenbetrieb. Ende Juni zog jedoch der Seniorenverein als letzter zahlender Mieter aus. Seitdem steht das Haus leer.

Zudem sind die Eigentumsverhältnisse rund um die Villa schwierig geworden. Der letzte Besitzer, ein Amerikaner, sei ohne Erben gestorben, hieß es vor kurzem im Ortschaftsrat. Die Stadt wiederum habe einen Anwalt beauftragt, Verhandlungen über das Objekt zu führen, das inzwischen von einer privaten Immobilienfirma verwaltet werde, sagt Zocher jetzt nach einem Gespräch im Rechtsamt. "Wenn genug Geld da ist, will die Stadt das Objekt sogar zurückkaufen", so der Ortsvorsteher. Einstweilen sei es möglich, das Haus anzumieten. Allerdings will der Vermieter den Vertrag mit dem Ortschaftsrat schließen, so Zocher.

Bis die Unterschriften gesetzt sind und das neue Vereinshaus bezogen werden kann, müssen noch einige Hürden genommen werden. 500 Euro Miete im Monat habe der Vermieter verlangt, dazu kommen Betriebskosten. "Natürlich können nicht alle Vereine gleich viel bezahlen - der Chor wird das Haus das ganze Jahr nutzen, andere Vereine kommen nur im Winter, wenn die Heizkosten hoch sind" , so Zocher. Über die Vermietung der oberen Etage und Saalmiete bei Familien- und anderen Feiern will er zusätzliches Geld in die Kasse holen. Auch die Betriebskosten plant der Ortschef durch eigene Vergabe niedrig zu halten: "Hecken schneiden, Schnee räumen und die Pflege der Grünflächen können wir auch selbst oder über Ein-Euro-Jobs erledigen."

Im Ortschaftsrat hat das Projekt nicht nur Begeisterung ausgelöst. "Brauchen wir ein weiteres Gebäude? Räume gibt es auch im ehemaligen Gemeindeamt und im Caritas-Altenheim", fragte Andreas Althammer (CDU). Auch der ehemalige Ortsvorsteher Bernhard Brand (PDS) äußerte Bedenken, ob die Miete aufgebracht und genug Vereine gefunden werden können.

Stephanie von Aretin



 
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